Fly-in-Safari Namibia
Etosha-Nationalpark. Wüste Namib. Riesendünen. Safariglück. Edle Lodges. Grandiose Atlantikküste. All dies und mehr macht Namibia zum Traumziel Zigtausender. Reporter Robert Haidinger war bei einer Fly-in-Safari dabei und danach noch zu Fuß. Er kam begeistert zurück – und brachte diesen Reisebericht mit:
Afrika beflügelt

„Es ist der Nebel. Sechs Uhr ist zu früh. Du wirst nichts sehen, Mann. Nichts außer Nebel. Keine Seehunde. Die türkise Lagune bei Sandwich Bay nicht. Vielleicht nicht mal das deutsche Wrack. Um sechs hat es keinen Sinn.“
Das predigte Andrew, der Pilot, während der Topinambur-Suppe. Und er sagt es ein zweites und ein drittes Mal, so dass es bis zum Dessert längst der ganze, lange Tisch des „Wolwedans Dunes Camp“ auswendig wusste. Auch der kleine Koch, der kurz zuvor das Menü in Khoekhoe-Sprache aufgesagte hatte, mit einem Klicken und Schnalzen, das angeblich unmöglich zu lernen ist, wenn man es nicht mit der Buschfrauen-Muttermilch eingeflößt bekommen hat.
Das Klicken war ein Gag der Lodge-Betreiber, den Gästen das Dinner noch schmackhafter zu machen als es ohnehin schon war - Zungenakrobatik vom Feinsten. Aber jetzt klickte es hinter dem Vorhang in der Küche weiter, und ich wette, dass ich genau übersetzen konnte, was der Koch seinem Helfer da erzählte: „Er sagt es ihm jetzt zum hundertsten Mal: Sechs Uhr ist einfach zu früh!“
Es gibt Tischgespräche, die verlangen nach Ausdauer. Gut also, dass sich eine Oryxantilope auf meinen Speiseteller verirrt hatte. Feinfaserig, vollgesogen von der Sonne und der Stille Namibias. Die Oryx passte herrlich zum Ingwergemüse. Aber vor allem gab sie neue Kraft, und die nötige Zähigkeit, die man in Afrika sogar für Privatpiloten braucht.
Denn eines war der Tafelrunde, die allmählich Ohren machte wie die Löffelhunde draußen im Sand, ebenfalls schnell klar: Acht wäre zu spät. Nicht für den Flug entlang der Küste. Aber für die Namib, die sich zwischen Wolwedans und den Atlantik schiebt.
Klar: Die Sanddünen sind um acht immer noch da. Aber die schönen Schatten sind weg, die Zeichnung dahin, die Farbe verwaschen wie ein altes Südwester-Hemd, weil die Sonnen schnell hoch steht. Also einigten wir uns auf eine Extraportion Dessert, Limonen-Tarte. Und beim Espresso auf einen ziemlich guten Kompromiss: zwei Flüge an einem Morgen. Zuerst eine kurze Runde über die schönsten Sanddünen der Welt.
Später die nebelfreie Atlantikküste am Rande des Namib-Naukluft Parks nach Damaraland hinauf. Dazwischen Omelette und Toast. Aber keine weiteren Extrawürste mehr. Und zwar, wobei Pilot Andrew an dieser Stelle den irren Kerosinpreis-Blick bekam, „für die Dauer der gesamten Flugsafari“.
Wer nach einem opulentem Dinner an einem Ort wie Wolwedans die Zehen in den weichen Sand steckt, und soeben einen Extraflug über Namibias rostroten Sanddünentraum gewonnen hat, sollte seinen Piloten nicht weiter reizen. Besser also, man trabt zum lindgrünen Zelt zurück, das sich zwischen Dünen und wehende Milchgräser kuschelt, lagert die Beine hoch, und genießt die Kühle, die das Land ausatmet, sobald die Stöpsel der letzten Sundownerflaschen verschlossen sind.
Über der Gluthölle der Wüste Namib
Ohnehin wird man auch in Namibia nicht leicht einen begnadeteren Flecken finden, als das Namib-Rand-Naturreservat, das ein deutschstämmiger Brunnenbohrer mit viel Herzblut aus verwaistem Farmland zusammengestoppelt hat. Die Karakul-Schafe sind verschwunden und so tritt mit dem Verblassen der Farmland-Episode die fast unglaubliche Schönheit dieser Landschaft hervor.
Rote Sanddünen wölben sich. Zwar nicht ganz so hoch wie in der angrenzenden Namib, aber dafür gespickt mit meterhohen Gräsern, die weiter unten in ein strohgelbes Leuchten übergehen. Weiter östlich schwappt das Grasmeer an ein Steilufer aus rotem Urgestein, das in der Dämmerung tieflila herüberstrahlt.
Die Nächte sind so sternklar, wie es sich für eine theatralisch komponierte Landschaft gehört. Kein Wunder, dass sich die Namib Rand zu einem Geheimtipp entwickelt hat, an dem sich Privatpiloten und Celebrities die Klinke in die Hand geben – schon gar nach dem Namibia-Hype um das Baby von Brad Pitt und Angelina Jolie. Das lässt bereits der Pool der benachbarten, noch exklusiveren „Sossusvlei Mountain Lodge“ ahnen: Wie ein notgelandetes türkisgrünes UFO hockt er im Steinfeld.
Private Butler huschen mit Haute Cuisine zwischen minimalistischen Steinvillen hin und her. Das schlingernde „Schwimmen“ der Range Rover durchs wellige Sandmeer, Champagner vorm Wasserloch, ein superstarkes Teleskop, um später nachzuschauen, ob auch die Milchstraße aufgeräumt ist – alles da. Wer da nicht romantisch wird, der schafft es nirgendwo.
Da hat die angrenzende Wüste Namib schon eine härtere Botschaft parat. Immer cool bleiben, lautet die Devise der weltberühmten Sanddünen-Szenerie. Bei Bodentemperaturen bis 65 Grad kein Wunder. Die Tiere nehmen das entsprechend wörtlich. Die Oryxantilope kann 45 Grad heiß laufen, dank eines in der Nase eingebauten „Blutkühlers“, verrät der Guide.
Käfer stellen sich auf den Dünengrat, um den atlantischen Nebel abzuwarten, der am eigenen Körper kondensiert und lassen sich das Wasser dann ins Maul rinnen. Geckos „tanzen“ mit abwechselnd erhobenen Beinen, was den Körperkontakt mit dem glühendem Wüstensand auf ein Minimum reduziert. Und die Maulwürfe gehen einige Zentimeter unter der Oberfläche. Mit etwas Glück kann man die fortlaufende Wölbung ihrer Bewegungen im Sand sogar sehen.
Eingraben ist eine Strategie, um sich erfolgreich durch die Gluthölle der Wüste Namib zu bewegen. Überfliegen die weit schönere. Immerhin präsentiert einem die Vogelperspektive neben fantastischen Panoramen ja auch noch all jene Besonderheiten, die Pilot Andrew du Preeze wie seine Westentasche kennt:
Das rote Geflecht der Wege, das die Siedler einst ins fragile Ökosystem der Namib Rand rillten – Narben auf empfindlicher Haut, die noch 100 Jahre später zu sehen sein werden. Auch sie gehören zu den Entdeckungen der Flugsafari, die jetzt, nach dem exklusiven Luxus von Wolwedans, weiter in Namibias Norden führt.
Landeanflug in Damaraland
Wie eine dicht gepunktete Tischdecke, mal honiggelb, dann wieder leicht rosa getönt, taucht da zunächst das verrückte Muster der „Feenkreise“ auf, über deren Ursache Botaniker und Zoologen lange tüfteln mussten. Dass hier zu Mitternacht die Hexen tanzen, so wie die Buschmänner sagen, ist eine schöne Geschichte.
Aber dann gibt es auch noch die deutsche Universitäts-Version: Dass die Hexen in unterirdischen Nestern leben, und in Wahrheit extrem kleine Termiten sind, die durch kleine Erdlöcher ihre Lieblings-Grasart, das Stipagrostis uniplumis, abernten.
Dort, wo das gepunktete Land endet, breitet sich die Namib Desert wie eine große, zerknitterte, sandgelbe Decke aus, die bis zum Atlantik reicht. Keine Decke zum Kuscheln, das wird an Bord unserer kleinen Cessna 210 allzu klar. In der Weite der Wüste versandete Eselkarren zeugen davon.
Es sind Relikte deutscher Diamantenschürfer, die sich vor ziemlich genau 100 Jahren von Swakopmund Richtung Conception Bay aufmachten, um in einer der unwirtlichsten Gegenden der Welt reich zu werden. Sie mussten aufgeben, erschöpft und aus Wassermangel. So wie wenige Monate später der Kapitän der „Eduard Bohlen“, deren rostiges Wrack jetzt in den Wellen des Sandmeers treibt – mittlerweile 200 Meter von jenem Strand entfernt vor dem es im September 1909 auf eine Sandbank lief.
Robben werden sichtbar, ein schwarzes Gewimmel zwischen Plankton und gnadenloser Trockenheit. Dann tauchen die türkisgrünen Schlieren einer Lagunenlandschaft unter uns auf, über der rosafarbene Flamingowolken schweben.
Schließlich gleiten wir die „Lange Wand“ entlang, der Horror der Strandläufer zwischen Conception Bay und Sandwich Harbour, dem bereits 1898 hoffnungslos versandetem Hafen: Dramatisch schieben sich die steil abfallenden Dünen ans Meer heran. Bei Flut leckt der Atlantik der Wüste direkt übers faltige Gesicht.
Namibia ist ein archaisches Land. Einsam und karg. Uralt und riesig. Deutschland ließe sich mehr als zweimal hineinpacken, viel Raum für nur zwei Millionen Einwohner. Und mitunter ist Namibia sogar ein Guckloch in die Tiefen der Erdgeschichte selbst.
Das sieht man im Moment auch den Gesteinsschichten an, die wie gewaltige Packen ineinander verrutscher Spielkarten unter dem Fenster der Cessna auftauchen, und die dabei eine Geschichte erzählen, an die sich nur mehr der Atlantik selbst erinnern kann – jene vom Auseinanderbrechen des Urkontinents Gondwanaland. Die gewaltigen geologischen Kräfte aus der Urzeit liegen zwischen staubigen Feldern brach.
Landeanflug in Damaraland, noch eine Flugstunde weiter nördlich. Tafelberge und Plateaus vulkanischen Ursprungs lassen an Jurrassic Park denken. Wie ein Land vor unserer Zeit leuchten dazwischen riesige Granitblöcke im späten Licht. Weiter hinten taucht der schwarze Brandberg auf, mit 2.579 Metern Namibias höchster Gipfel.
Twyfelfountain – Zweifelhafte Quelle
Der versteinerte Wald, und die Planzen, die man dort findet, passen bestens ins urweltliche Bild. Die Welwitschia Mirabilis etwa, ein bis zu 1.500 Jahre alter Methusalem aus grauer Fauna-Urzeit, der sich Jahrzehnte lang in die Hitze ducken kann – und beim ersten Regentropfen fast wie Spargel aufschießt. Damaraland ist auch die Heimat der sogenannten Wüstenelefanten, die sich an die extreme Trockenheit angepasst haben und ganze vier Tage ohne Wasser auskommen.
Auch der Luxus der „Mowani“-Lodge, exklusiver Stützpunkt bei den Erkundungen der Region, zeigt sich im zeitlosen Safari-Chic. Zelte, Pool, Sundowner-Bar – alles duckt sich in die Ritzen und Nischen der riesigen Granitblöcke, erlaubt zugleich grandiose Blicke in die staubige Weite des Aba-Huab-Tals. Doch der eigentliche Grund, warum es Besucher aus aller Welt dorthin verschlägt, ist ein kleines Gerinnsel im Sandstein, die „zweifelhafte Quelle“ Twyfelfountain.
Der tropfende Stein und die geschütze Lage lockte seit Jahrtausenden die Bewohner der Gegend an: jagende San, Buschmänner, die, während sie das Wild im Auge behielten, ihre Geschichten im rot leuchtenden Sandstein verewigten. Seither ist Twyfelfountain von Felsgravuren übersät, eine Open-Air-Galerie von elementarer Tiefe: Tanzende Kudus und Mondkalender, Giraffen, Löwen, unentzifferte abstrakte Zeichen, und Tatzen, Hufe, Füsse, die als Fährten stellvertretend für die Tiere stehen.
Twyfelfountain ist die wichtigste Kulturstätte Namibias – und seit letztem Jahr Weltkulturerbe.
Next Stop: Kaokoveld. Teile des Airstrips haben sich in eine Sandkiste verwandelt, und der Pilot in einen Heißsporn. Denn lustig findet Andrew das nicht. Der Vogel ist stecken geblieben und muss mit vereinten Kräften auf die Piste geschoben werden.
Der Zorn wird verständlich, wenn man die Lage bedenkt. War schon die „Mowani“-Lodge entlegen, so ist es das Schutzgebiet Purros im Süden des Kaokoveld und nahe der Skelettküste erst recht. Immerhin: Wasser gibt es. Und wild lebende Strauße, die pünktlich am Abend den Horizont als Schattenriss verzieren. Löwen, Giraffen, Elefanten, Spitzmaulnashörner finden sich sowieso ein.
Eine Signora aus Mailand, die einst eine große Nummer in der Mode-Industrie war, pflegt jetzt das stilvolle Aussteigerleben und die „Okahironga Elephant Lodge“ ist ihr Edel-Hideaway. Benannt ist es nach den Wüstenelefanten, die sich hier sogar vom Swimming Pool bedienen. Lehmhauswürfel aus Designerhand, elegante Oryxhörner als Türgriffe, Open Air-Duschen in ockerfarbenen Naturtönen, ein Sundowner-Baldachin mit archaischem Knüppelholz-Dach – kein Wunder, dass gelegentlich Models für Fashion Shootings eingeflogen werden.
Mondäner Lakaien-Luxus umgibt auch das Personal der Signora. Die Kellnerin trägt eigenhändig entworfene Kostüme mit kecken Leoparden-Aufschlägen und serviert zwischen wehenden Gaze-Vorhängen Pasta Genovese. Belissima!
Als i-Tüpfelchen zum „Okahironga“-Ethno-Chic hat in unmittelbarer Nachbarschaft einer der urtümlichsten Stämme des südlichen Afrika seine kreisrunden Lehmhütten aufgeschlagen – die durch die Abgeschiedenheit des Kaokovelds ziemlich isolierten Himba.
Das Markenzeichen des Stamms ist das Ganzkörper-Make-up aus zerstoßenem Roteisenstein und Tierfett, das Männer und Frauen vor Sonnenbrand und Moskitos schützt, und diese Menschen in tiefrot leuchtende Farbe taucht.
Tierreicher Etosha-Nationalpark
Anflug nach Etosha vom Mokuti Airstrip, der letzten Station vor der Rückkehr nach Windhoek. Etosha heißt „großer Platz des trockenen, weißen Wassers“. Einst befand sich hier ein riesiger See. Dann wurde vom preußischen Gouverneur Lindequist ein Naturschutzgebiet angelegt, so groß wie Österreich und die Slowakei zusammen. 101 Jahre später ist davon noch ein Viertel geblieben: flaches, welliges Land, mit vereinzelten Wasserlöchern und markanten Makalanipalmen.
Tief unter unserer Cessna waten die Tiere allerdings in Schlagsahne. Oder vielleicht schwimmen sie bloß in Milch. Zumindest sieht es so aus, wenn das Salz und der trockene Tonerdestaub in der brütenden Senke der Etosha-Pfanne aus der Vogelperspektive serviert werden.
Andrew deutet auf einen schwarzen Punkt. Da! Ein Nashorn! Es ist unklar um welchen schwarzen Punkt es sich handelt. Aber ein Verdacht keimt auf: Jeder, der nach Etosha fliegt, will das Black Rhino sehen, das seltene Spitzmaulnashorn, aber nicht jeder schafft es. Vielleicht baut Andrew ja vor.
Der Verdacht verstärkt sich mit dem Auftauchen von David. David kommt aus London, aber im Moment kommt er aus dem „Onguma Camp“ und vermeldet die erfolgreiche Sichtung von ein paar russischen Milliardären. Rhinos? David: klar, auch. Außer vielleicht heute.
Zwei Nächte später: die Milliardäre einmal durchs Fliegengitter der Luxuszelte gesehen, leider nur unscharf. Außerdem: den behäbigen Auftritt der Familie Stachelschwein beim Wasserloch der Luxus-Lodge beobachtet, deren 20.000 Hektar unmittelbar am Etosha-Park anschließen.
Koch Vincent liebt Stachelschweine ebenfalls, vor allem am Teller. Nur eines stört ihm an der Delikatesse wirklich: die kleinen schwarzen Pfötchen. Vincent, der Blick schreckgeweitet: „Hands like a baby!“
Was der Etosha-Nationalpark in diesen Wintertagen sonst noch bietet: das Gefühl von Vorfrühling, mit kleinen schwellenden Knöspchen, die die Weite der lichtflirrenden Gegend auf Schritt und Tritt mit süßen Gerüchen füllen.
Zebras, Giraffen, Springböcke sowieso, und die bei Gefahr erstarrenden Bonsai-Antilopen, auch als Dikdik bekannt. Und im letzten Abdruck, als David schon auf- und Gas gibt, um das Schließen des Gates zum Sonnenuntergang nicht zu versäumen: ein Black Rhino. Knapp vor dem Jeep will es soeben die Piste überqueren – und kann sich nicht so recht entscheiden.
Linksverkehr, Rechtsabbieger, Nachrang? Das Nashorn, das sich nach dem Einbahn-Prinzip durchs Leben bewegt, scheint plötzlich überfordert, wiegt seinen massigen Körper hin und her. Etliche Sekunden lang, fast tänzerisch, wie eine Busch-Ballerina. Sogar David ist kurz beeindruckt: So etwas hätte er der Frau des Russen zugetraut, aber nicht Andrews schwarzem Punkt.
Autor: Robert Haidinger
Quelle: Abenteuer Reisen
